• Michael Köllner

"Ich übe eine Stelle und es wird besser, aber dann entstehen plötzlich immer mehr Fehler. Wieso?"

Aktualisiert: Juni 21


Eine ziemlich frustrierende Erfahrung: man hat sich eine kleine Einheit herausgesucht, hat beide Hände getrennt geübt, der Fingersatz sitzt, die Noten und Notenwerte ebenso. Die Stelle klappt immer besser und besser. Und weil man so motiviert ist, spielt man sie immer wieder. Und plötzlich schleichen sich Fehler ein. Und es werden immer mehr, als hätte man nie wirklich geübt. Hä - stimmt da etwas nicht mit einem?? Dies ist eine Erfahrung, die alle meine Schüler*innen irgendwann machen und auch machen müssen. Denn das Verständnis dieses Phänomens ist essentiell für den eigenen gesunden und nachsichtigen Umgang mit sich selbst beim Üben. Man ist nicht zu alt, zu langsam, zu unflexibel - nein: es liegt an der Arbeitsweise unseres Gehirns.

Wir dürfen nie vergessen, dass Training eine Anhäufung von Hundertausenden Informationen unterschiedlichster Färbung bedeutet. Egal, was wir üben, alles wird im Gehirn erst in einer Art Zwischenspeicher gesammelt und dann nach und nach abgearbeitet. Es holt sich die Informationen häppchenweise, verknüpft Neuronen, baut Nervenbahnen aus, es schichtet um und ordnet neu an. Dieser Prozess geschieht bei allem, was wir neu erlernen.


Das Faszinierende dabei ist, dass die Informationsmenge bis zu einem Jahr unbemerkt und vollautomatisch im Hintergrund weiter verarbeitet wird. Wir können im Januar etwas geübt haben, und das Gehirn baut noch im November ein und um, um das Gelernte zu festigen.


Das Gehirn benötigt also vor allem eines: Zeit. Da hilft kein Wollen, kein "es müsste doch jetzt so langsam mal gehen". Es hilft nur Geduld, Verstehen und Verständnis für die eigenen körperlichen Prozesse und den angemessenen Umgang damit.


"Auftretende Fehlleistungen sind meist nichts anderes als ein neutraler Hinweis unseres Gehirns, dass etwas noch nicht richtig gespeichert ist. "

Tritt nun so ein Phänomen wie oben beschrieben ein, so sollte dieser gutgemeinte Fingerzeig unseres Gehirns immer ein "Aha"-Erlebnis" auslösen. Es signalisiert uns durch eine Zunahme von Fehlleistungen beim Spielen, dass der Zwischenspeicher voll ist. Was können wir dann tun?

Wenn plötzlich Fehler in Bereichen auftauchen, die davor intensiv geübt wurden und ganz gut geklappt haben, heißt es, diese Stelle ruhen zu lassen oder das Üben an dieser Stelle zu verändern.


Abwechslung in der Aufmerksamkeit und Fantasie beflügeln das Gehirn! Auch wenn es die gleiche Stelle ist, die weiterhin trainiert wird: durch Veränderung der Art und Weise, wie man übt, kann das Gehirn wieder neue Informationen aufnehmen. Anders gefärbte Informationen passen immer noch zusätzlich in den Zwischenspeicher hinein.


Meine Erfahrung: Stücke, die ich intensiv geübt habe, lasse ich mitunter wochenlang ruhen. Das Spannende ist, dass ich sie nach dieser Ruhezeit besser als in der Übephase spielen kann. Und das, obwohl ich zwischenzeitlich nicht mehr geübt hatte. Das Gehirn hat die Informationen in dieser Zeit eingebaut.


Mein Rat an Dich:

  • Sei gnädig mit Dir selbst. Du hast keine Schuld, Du versagst nicht

  • Diese Erfahrung ist völlig normal und macht jede*r irgendwann

  • Erzwingen hilft nichts

  • Sondern nur Verständnis und ein kluger Umgang mit sich selbst und seinen Ressourcen

  • Gib Dir Zeit, denn wir alle sind keine Maschinen

  • Lasse die Stelle eine Zeitlang ruhen und schau dann, was sich verändert hat

  • Verändere die Art und Weise, wie Du die Stelle übst. So kannst Du sie weiter trainieren und musst keine Pause einlegen


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#Erwachsene #Üben #Übeblockade #Lernmethodik

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